Die Triumph Model R Fast Roadster von 1923, häufig auch als Triumph Ricardo oder liebevoll „Riccy“ bezeichnet, gehört zu den technisch bemerkenswertesten britischen Motorrädern der frühen 1920er-Jahre. Sie entstand in einer Zeit, in der sich das Motorrad gerade vom vergleichsweise einfachen motorisierten Fahrrad zu einer eigenständigen Hochleistungsmaschine entwickelte. Besonders außergewöhnlich war ihr 499-cm³-Einzylindermotor mit vier obenliegenden Ventilen – eine Konstruktion, die ihrer Zeit deutlich voraus war. (Triumph Owners' Motor Cycle Club)
Vom „Trusty Triumph“ zum Sportmotorrad
Triumph hatte während des Ersten Weltkriegs mit der Model H, der berühmten „Trusty Triumph“, große Stückzahlen produziert. Diese robuste Seitenventilmaschine war zuverlässig, entsprach nach Kriegsende aber immer weniger den Ansprüchen an ein schnelles Sportmotorrad. Triumph benötigte deshalb einen leistungsfähigeren Motor. Hier kam der britische Ingenieur Harry Ricardo ins Spiel, einer der bedeutenden Motorenforscher seiner Zeit. Gemeinsam mit dem Ingenieur und Rennfahrer Frank Halford arbeitete Ricardo an leistungsfähigen Brennräumen, Kraftstoffen und Vierventil-Zylinderköpfen. (Wikipedia)
Aus diesen Arbeiten entstand die Basis für die Model R. Erste Rennversionen liefen bereits 1921, während Triumph das Model R für die Saison 1922 als Serienmotorrad ankündigte. Deshalb finden sich in Quellen unterschiedliche Angaben zur Produktionszeit – etwa 1921 bis 1928 oder, bei den eigentlichen Serienkatalogen, ungefähr 1922 bis 1927. Für die hier betrachtete 1923er Fast Roadster besteht diese Unklarheit jedoch nicht: Sie gehört zur frühen Serienphase der Ricardo-Triumph. (Triumph NZ)
Der außergewöhnliche Vierventilmotor
Das Herz der Maschine war ein luftgekühlter 499-cm³-Einzylinder-Viertaktmotor mit OHV-Ventilsteuerung. Für 1923 nennt Triumph eine Bohrung von etwa 80,94 mm und einen Hub von 97 mm. Das wirklich Revolutionäre waren jedoch die vier Ventile im Zylinderkopf und die zentral angeordnete Zündkerze. Während bei vielen zeitgenössischen Motorrädern noch einfache Seitenventilmotoren dominierten, erlaubte Ricardos Konstruktion einen wesentlich besseren Gaswechsel und eine effizientere Verbrennung. (Triumph Owners' Motor Cycle Club)
Die Ventilfedern, Kipphebel beziehungsweise Teile des Ventiltriebs lagen weitgehend offen – typisch für Hochleistungsmotoren dieser Epoche und heute eines der optisch faszinierendsten Merkmale der Maschine. Die Anordnung ermöglichte eine große wirksame Ventilfläche, ohne extrem große und schwere Einzelventile verwenden zu müssen. Historische Quellen schreiben dem Motor eine Leistung von ungefähr 20 bhp bei 4.600/min zu. Das war für einen 500-cm³-Einzylinder Anfang der 1920er-Jahre außerordentlich viel. (Wikipedia)
Zeitgenössisch wurde das Motorrad dennoch als „3½ hp Triumph“ bezeichnet. Diese Angabe darf nicht mit der tatsächlichen Motorleistung verwechselt werden; der Motor leistete wesentlich mehr. Die Bezeichnung stammte aus der damaligen britischen Nomenklatur beziehungsweise Leistungs- und Größenklassifizierung.
Fahrleistungen auf dem Niveau eines Rennmotorrads
Für die Straßenversion werden rund 70 bis 75 mph, also etwa 113 bis 121 km/h, als Höchstgeschwindigkeit genannt. Eine zeitgenössische Triumph-Werbeanzeige von 1923 verwies sogar darauf, dass der Fast Roadster als Vierventil-Einzylinder Geschwindigkeiten von mehr als 76 mph erreicht habe. Damit war die Maschine für ihre Zeit ausgesprochen schnell. (Scribd)
Noch beeindruckender waren die Leistungen der speziell präparierten Rennmaschinen. Frank Halford erzielte mit einer weiterentwickelten Ricardo-Triumph auf Brooklands enorme Geschwindigkeiten; verschiedene Quellen nennen für die fliegende Meile Werte um 84 bis knapp 88 mph. Diese Rekordmaschinen waren allerdings nicht identisch mit einer serienmäßigen 1923er Fast Roadster – ihre Werte sollten deshalb nicht als Serienhöchstgeschwindigkeit ausgegeben werden. (Wikipedia)
Getriebe, Fahrwerk und Bedienung
Ein Triumph-Katalog für 1923 beschreibt die Maschine mit Dreiganggetriebe, Kupplung, Kickstarter und Kettenantrieb. Auch Magnetzündung und ein Triumph-Vergaser gehörten zur Konstruktion. Die Schmierung erfolgte bei diesen frühen Modellen noch mit einer Handölpumpe; erst spätere Varianten erhielten eine weiterentwickelte beziehungsweise externe mechanische Schmierung. Die Reifen wurden im 1923er Programm mit 26 × 3 Zoll angegeben. (Classic Motorcycles)
Das Fahrwerk war dagegen deutlich konservativer als der Motor. Die Ricardo übernahm viele Konstruktionsprinzipien der bereits vorhandenen Triumph-Modelle. Vorn arbeitete eine zeittypische gefederte Gabel, während das Hinterrad praktisch ungefedert in einem Starrrahmen geführt wurde. Für Komfort sorgte deshalb hauptsächlich der gefederte Einzelsattel. Das geringe Gewicht – je nach Quelle ungefähr 109 bis 113 kg – half allerdings, die Maschine agil zu halten. (Scribd)
Gerade hier lag zugleich eine Schwäche der Ricardo. Der Motor war für seine Epoche außerordentlich leistungsfähig, Fahrwerk und Bremsen entwickelten sich jedoch nicht im gleichen Tempo. Bei hohen Geschwindigkeiten war eine Model R daher weit anspruchsvoller zu fahren als ein modernes Motorrad. Genau diese Kombination aus sehr starkem Motor und vergleichsweise einfacher Fahrwerkstechnik macht einen großen Teil ihres historischen Charakters aus. (Wikipedia)
Technische Eckdaten
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Triumph Model R Fast Roadster, ca. 1923
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Motor
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luftgekühlter Einzylinder-Viertakt
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Hubraum
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499 cm³
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Bohrung × Hub
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ca. 80,94 × 97 mm
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Ventilsteuerung
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OHV, 4 Ventile
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Leistung
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etwa 20 bhp bei 4.600/min
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Getriebe
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3-Gang
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Antrieb
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Kette
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Gewicht
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ca. 109–113 kg
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Höchstgeschwindigkeit
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etwa 113–121 km/h
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Start
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Kickstarter
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Bauart
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Starrrahmen, gefederte Vordergabel
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Motorsport und der Ruf der „Riccy“
Die Ricardo-Konstruktion war von Anfang an eng mit dem Rennsport verbunden. Triumph trat bereits 1921 mit entsprechenden Maschinen bei der Isle of Man TT an. Die frühen Einsätze zeigten zwar sowohl das enorme Motorpotenzial als auch Schwächen des Fahrwerks, doch die Konstruktion wurde kontinuierlich weiterentwickelt. 1922 wurde auch eine Model R Fast Roadster bei der Senior TT eingesetzt. Besonders wichtig für das Image war schließlich 1923 ein Goldmedaillenerfolg bei der International Six Days Trial, einem Vorläufer heutiger internationaler Enduro-Wettbewerbe. (Wikipedia)
Der Motorsport war dabei mehr als Werbung. Erfahrungen mit Verbrennung, Kraftstoffqualität, Zylinderköpfen und Ventilanordnung flossen unmittelbar in die Entwicklung ein. Ricardo beschäftigte sich intensiv mit Klopffestigkeit und Kraftstoffen mit höherer Oktanzahl. Die Model R war deshalb gewissermaßen ein rollendes Versuchslabor für Konzepte, die Jahrzehnte später im Motorradbau selbstverständlich werden sollten. (Wikipedia)
Bedeutung der Triumph Model R
Historisch ist die 1923 Triumph Model R Fast Roadster wesentlich wichtiger, als ihre relativ geringe Bekanntheit heute vermuten lässt. Sie steht an der Schwelle zwischen dem frühen Gebrauchsmotorrad und dem modernen Sportmotorrad. Ein leichter 500-cm³-Einzylinder mit Vierventilkopf, zentraler Zündkerze, rund 20 PS und deutlich über 110 km/h war Anfang der 1920er-Jahre eine bemerkenswerte technische Ansage.
Triumph verlangte laut Modellübersicht für die entsprechende 1923er Maschine £96 10s; mit Seitenwagen wurden £125 12s 6d angegeben. Sie war damit kein einfaches Billigmotorrad, sondern ein sportlich orientiertes Produkt für Kunden, die Leistung und moderne Technik suchten. (Classic Motorcycles)
Heute ist gerade der offen sichtbare Vierventilmechanismus ein Markenzeichen der Ricardo. Hinzu kommen der schlanke Tank, der Starrrahmen, große Speichenräder, der einzelne Ledersattel und die langen außenliegenden Betätigungsstangen des Motors. Technisch wirkt sie gleichzeitig archaisch und erstaunlich modern.
Unterm Strich ist die Triumph Model R Fast Roadster von 1923 eine der interessantesten Triumphs der Vorkriegszeit. Sie brachte Renntechnik in ein käufliches Straßenmotorrad und zeigte bereits vor mehr als hundert Jahren, welchen Vorteil ein gut konstruierter Vierventil-Zylinderkopf bei einem hoch belasteten Viertaktmotor haben konnte. Ohne Modelle wie die Ricardo wäre die spätere Entwicklung von Triumph zur Marke schneller britischer Sportmotorräder kaum in derselben Form denkbar gewesen. Ihre Bedeutung liegt daher weniger in hohen Produktionszahlen als in ihrem technischen Pioniercharakter.
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